Viele Paare werden irgendwann im Verlauf ihrer Paarbeziehung auch zu Eltern. Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Konstellationen, wie Paare ohne gemeinsame Kinder, wobei aber vielleicht eine Partnerin oder ein Partner oder beide Kinder aus früheren Beziehungen mitbringen, oder Paare mit Adoptiv- oder Pflegekindern. Die jeweiligen Formen bringen ihre spezifischen Herausforderungen mit sich. Ein Grossteil der Paare erlebt jedoch, wie sie irgendwann nicht nur Paar, sondern auch Eltern werden – eine besondere Zeit, die mit viel Freude, aber auch mit Belastung verbunden ist. Hier kommt einiges auf das Paar zu: Die Partnerinnen und Partner müssen ihre Rollen neu finden und verhandeln, neue Fertigkeiten entwickeln und ihr Leben wieder neu organisieren. Dies alles oft unter Schlafmangel und mit einer bisher ungekannten Einschränkung der persönlichen Freiheit. Zudem spitzen sich Konflikte oder Herausforderungen, welche das Paar schon zuvor hatte, oftmals zu. Es sind einfach weniger Ressourcen, Puffer und Ausweichmöglichkeiten da und die Abhängigkeit voneinander wird grösser.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Muss man da einfach durch? Oder kann man sich irgendwie vorbereiten und die komplette Überforderung vermeiden? Ein gewisses Mass an Chaos und Irritation gehört wohl einfach dazu und ist auch nicht zu vermeiden. Aber ein Bewusstsein für die möglichen Herausforderungen im Vorfeld kann hilfreich sein. Dabei geht es nicht um Schwarzmalerei oder einen negativen Blick auf die gemeinsame Zukunft. Aber wenn ich weiss, dass eine Belastung kommt, kann ich auch bewusst versuchen, in dieser Zeit besonders achtsam gegenüber meiner eigenen Gesundheit und meiner Beziehung zu sein. Auch Vorstellungen und Erwartungen können im Vorfeld besprochen werden: Wie möchten wir uns Betreuungsarbeit und Erwerbsarbeit aufteilen? Wie denken wir über Drittbetreuung und welche Möglichkeiten haben wir da? Gibt es Grosseltern in der Nähe, und wenn ja, kann ich mir vorstellen, dass mein Kind von den (Schwieger-)Eltern betreut wird? Diese Gespräche sollten aber immer im Wissen darum geführt werden, dass es auch anders kommen kann und auch immer ein Stück weit anders kommt. Vor dem ersten Kind weiss ich nicht, wie ich als Mutter oder Vater bin, und ich weiss auch nicht, wer da zu uns stösst. Und auch mit einem zweiten, dritten oder vierten Kind muss die Familie wieder ein neues Gleichgewicht finden. Weiter kann es wertvoll sein, sich im Vorfeld mit der eigenen Prägung und der Prägung der Partnerin beziehungsweise des Partners auseinander zusetzen. Gemeint ist, dass man in einem ersten Schritt selbst reflektiert, wie man aufgewachsen ist, und sich in einem zweiten Schritt auch davon erzählt: Welche Werte waren in der Herkunftsfamilie wichtig, wie wurde mit Konflikten umgegangen, welche Rollenverteilung wurde gelebt? Und was davon habe ich als gut erlebt respektive wovon möchte ich mich vielleicht auch bewusst abgrenzen?

Und wenn das Kind oder die Kinder dann da sind? Hier ist die gegenseitige Unterstützung zentral. Und auch ausserhalb der Partnerschaft gilt es, Hilfe zu suchen und anzunehmen (was manchmal der schwierigere Punkt ist). Auch beim ersten Kind muss und soll man nicht alles alleine schaffen. Wir tendieren in unserer Kultur dazu, hohe Erwartungen an uns selbst zu haben. Die (sozialen) Medien können diese noch mehr verstärken. Nebst dem gesellschaftlichen und medialen Einfluss spielt hier auch wieder die eigene Prägung und Geschichte eine Rolle, weshalb es hilfreich sein kann, sich damit auseinanderzusetzen. Viele Menschen erleben es auch als entlastend und bereichernd, sich mit anderen Menschen in der gleichen Lebensphase zu verbinden und auszutauschen. Gleichzeitig entsteht hier natürlich auch die Gefahr des Vergleichs im Sinne einer Leistungsbewertung. Hier braucht es manchmal einen bewussten Entscheid, sich darauf zu konzentrieren, was für die eigene Familie gut ist, und wegzukommen von der Frage, wie man es denn «richtig» macht.

In dieser Lebensphase gilt es immer wieder zu priorisieren: Also von Zeit zu Zeit innezuhalten und zu schauen, was im Moment wirklich wichtig und zentral ist und welche Dinge (für eine gewisse Zeit) auch mal vernachlässigt werden können. Nehmen wir eine Frau, die immer sehr viel Sport gemacht und dies als Ausgleich und Ventil für Stress genutzt hat. Tatsächlich ist es viel leicht nicht realistisch, dass sie in der Zeit, in der die Kinder noch sehr klein sind, weiterhin mehrmals pro Woche intensiv trainiert. Aber das heisst nicht, dass der Sport als wichtige Ressource dieser Frau nicht zur Priorität gemacht werden sollte. Konkret bedeutet dies zu schauen, wo und in welchem Ausmass vielleicht doch noch Sport möglich ist (Fitnessstudio mit Kinderbetreuung, Joggen über Mittag bei der Arbeit etc.).

Was in der Priorisierung in dieser Zeit oftmals stark nach unten rutscht, ist die Paarbeziehung. Das ist zu einem gewissen Grad auch ganz normal und natürlich. Jetzt steht erst mal die Elternrolle im Vordergrund. Und trotz dem, irgendwann wird diese Elternrolle weniger fordernd und dann ist es wichtig, dass noch eine Basis da ist, um die Paarbeziehung wieder zu intensivieren. Zum Thema Priorisierung gehört da her unbedingt auch die Frage, wie diese Paarbasis auch während dieser intensiven Zeit geschützt werden kann. Dazu braucht es nicht zwingend ein romantisches Dinner oder ein kinderfreies Wochenende, sondern es kann auch heissen, bewusst einzelne Momente zu geniessen und als Einzelperson, aber auch als Paar stolz auf sich zu sein.

Noëmi Ruther, Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich,
Beratungsstelle Wetzikon

Dieser Artikel wurde im Stadt-Anzeiger Opfikon Glattbrugg unter der Rubrik «DER GUTE RAT» am 28.11.2024 veröffentlicht.

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