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Er interessiert sich kaum für mich

Er interessiert sich kaum für mich Ich schreibe Ihnen, weil sich mein Freund zu wenig für mich interessiert. Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Anfänglich hat er mich oft gefragt, wie es mir geht. Doch seit er bei mir eingezogen ist, scheint das kein Thema mehr für ihn zu sein. Er kommt abends spät von der Arbeit nach Hause. Dann erwartet er, dass ich ihm zuhöre, wenn er von seinen Problemen mit dem Chef erzählt. Möchte ich dann etwas von mir erzählen, ist er müde und verabschiedet sich ins Bett. So geht es schon seit Monaten und ich ertrage es fast nicht mehr.

Seit dem Zusammenziehen wurde vermutlich vieles in Ihrer Beziehung zur Routine, so auch der Ablauf der Abende. Viele Paare tun sich im Alltag schwer, in gutem Kontakt miteinander zu bleiben. Wenn man nur wenig Zeit zusammen verbringen kann, ist die Gefahr gross, sich immer mehr auseinanderzuleben. Sie nehmen ein Ungleichgewicht wahr, was das gegenseitige Mitteilen anbelangt.

Diese Wahrnehmung ist ein erster Schritt für Veränderung. Denken Sie, dass Ihrem Freund dieses Ungleichgewicht bewusst ist? Oder könnte es sein, dass er mit seinen Problemen so stark belastet ist, dass er Ihre Bedürfnisse nicht mehr sieht? Dann ist es umso wichtiger, dass Sie Ihren Ärger nicht länger schlucken, sondern ihm Ihre Erwartungen klar mitteilen. In einer Beziehung ist es bedeutsam, dass Beide die Möglichkeit haben, sich dem Anderen mitzuteilen. Schlagen Sie Ihrem Freund einen Gegenpol zum Alltag vor: Mit einer kleinen Zeitinsel pro Woche schaffen Sie den nötigen Rahmen: Nehmen Sie sich eine Stunde füreinander Zeit; jeder von Ihnen erhält 10-15 Minuten, um zu erzählen, was ihn gerade bewegt. Der Andere hört ausschliesslich zu, ohne zu kommentieren, Ratschläge zu geben oder Fragen zu stellen. Danach ist Wechsel: Der/die zuvor Erzählende wird zum/r Zuhörer/in und umgekehrt. Die übrige Zeit können Sie nutzen, um nachzufragen, ins Gespräch zu kommen oder einfach nur, um das Zusammensein zu geniessen.

Reservieren Sie die Abende in Ihrer Agenda, starten Sie nicht mit zu hohen Erwartungen und halten Sie eine Zeit lang durch. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit dieser kleinen Übung allmählich wieder mehr Nähe zu Ihrem Partner erfahren dürfen. Werner Klumpp, Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich, Beratungsstelle Bülach

Dieser Artikel ist erschienen im Stadt-Anzeiger Opfikon Glattbrugg